#007 Das Ritual um den Würfel des Schwarzmagiers
Waldritter Akademie zu Silvanien, Tag 30 des 5ten Mondes im zweitausendundsechsundzwanzigsten Jahr (Eintrag: 30.05.2026)
Der Würfel des Schwarzmagiers beschäftigt die Akademie weiterhin. Obwohl mittlerweile zahlreiche Gelehrte, Magier und Alchemisten über das Artefakt beraten haben, ist man noch immer nicht wesentlich klüger als zuvor. Immerhin scheint man inzwischen sicher zu sein, dass der Würfel sechs Seiten besitzt und magisch ist. Das mag wenig erscheinen, doch nach allem, was ich über die bisherigen Untersuchungen gehört habe, handelt es sich bereits um bemerkenswerte Fortschritte.
Wobei ich diese Erkenntnisse vermutlich bereits nach wenigen Minuten gewonnen hätte. Aber mich fragt ja niemand.
Wie mir berichtet wurde, hatten die Alchemisten auf ihrer letzten Mission ein uraltes Rezept erlangt, mit dessen Hilfe ein besonderer Trank gebraut werden sollte. Dieser Trank sollte dabei helfen, die Geheimnisse des Würfels zu entschlüsseln. Allerdings verlangte das Rezept zunächst die Vorbereitung eines Ritualkreises, in dessen Mitte der Würfel platziert werden musste.
Dafür mussten Symbole für Feuer, Wasser, Erde, Luft und Magie in alter Waldritterschrift auf den Boden gezeichnet werden.
Nun könnte man annehmen, dass in einer Akademie voller Gelehrter und Lehrer wenigstens einige Personen die alte Waldritterschrift beherrschen. Dies erwies sich als überraschend optimistische Annahme.
Nachdem zahlreiche Menschen befragt worden waren, kam schließlich jemand auf die ausgezeichnete Idee, den Bürokraten um Hilfe zu bitten. Dieser konnte die notwendigen Zeichen selbstverständlich identifizieren und erklären.
Langsam beginne ich zu vermuten, dass der Bürokrat heimlich die gesamte Akademie verwaltet, während die übrigen Mitglieder nur beschäftigt aussehen.
Nachdem die Zeichen vorbereitet waren, wurden die Artefakte der Weisheit herbeigeschafft, welche sich bereits im Besitz der Waldritter befanden. Anschließend legte man den Würfel in die Mitte des Ritualkreises. Die Magier aktivierten die Symbole von Feuer, Luft und Erde mit ihren Fähigkeiten, während die Alchemisten das Wassersymbol erweckten.
Danach stellten sich alle Waldritter in den Kreis, die sich mutig genug fühlten, ihre seelische Kraft für das Ritual einzusetzen.
Ein durchaus ehrenwerter Entschluss. Ich persönlich ziehe es allerdings vor, zuerst zu erfahren, was ein Ritual überhaupt bewirkt, bevor ich meine Seele daran beteilige.
Kaum hatte das Ritual begonnen, wurden die Waldritter von Untoten angegriffen. Offenbar war jemand nicht daran interessiert, dass die Geheimnisse des Würfels enthüllt werden. Mehrere Augenzeugen berichteten von einer Gestalt mit schwarz unterlaufenen Augen, die den Angriff beobachtet haben soll. Einige vermuteten eine Nekromantin.
Untote. Schon wieder. Langsam sollte die Akademie Schilder aufstellen. „Vorsicht, Untote.“ Das würde zumindest die Überraschung verringern.
Den Waldrittern gelang es, die Angreifer zurückzuschlagen, doch das kostete wertvolle Zeit. Trotzdem wurde das Ritual fortgesetzt. Währenddessen entdeckten drei Waldritter ein Lager von Banditen und beschlossen, dort einzudringen. Nach allem, was mir berichtet wurde, verlief dieser Plan nicht besonders erfolgreich.
Die Banditen zeigten sich erstaunlich wenig begeistert davon, überfallen zu werden. Manche Menschen sind wirklich schwer zufriedenzustellen.
Eine weitere Nachricht erreichte mich während dieser Ereignisse: Die Waldritter Astrid und Cleo sollen Schwestern sein.
Warum mir diese Information mitten in einem Bericht über Untote, Nekromantie und uralte Artefakte mitgeteilt wurde, weiß ich nicht. Vielleicht hielt jemand sie für besonders wichtig. Nun steht sie jedenfalls in meinem Tagebuch.
Schließlich erreichte das Ritual seinen Höhepunkt. Der Würfel erwählte fünf Waldritter, die sich besonders gut konzentriert und alle Anweisungen befolgt hatten. Ihnen erschien der Würfel in ihren Gedanken und begann mit ihnen zu sprechen. Mehrere Stimmen erklangen gleichzeitig in ihren Köpfen, doch nur jene, die ihre Gedanken ausreichend sammeln konnten, waren in der Lage, einer einzelnen Stimme zu folgen.
Der Würfel erwählte übrigens nicht mich. Zugegeben, ich war gar nicht anwesend. Dennoch halte ich dies für eine fragwürdige Entscheidung.
Als die fünf Waldritter aus ihrer Trance erwachten, berichteten sie von den Botschaften des Würfels. Die wichtigste Erkenntnis lautete, dass das Artefakt offenbar nur von seinem Erschaffer zerstört werden kann. Außerdem soll es einen zweiten Würfel geben – einen hellen Würfel, der dem dunklen Gegenstück gegenübersteht.
Immer wieder wurde dabei ein Satz wiederholt:
„In der Dunkelheit ist auch Licht.“
Das klingt ausgesprochen geheimnisvoll. Andererseits klingen die meisten Prophezeiungen geheimnisvoll. Würden sie klar und verständlich formuliert, gäbe es vermutlich deutlich weniger Abenteuer.
Währenddessen setzten die Alchemisten ihre Experimente fort. Eine junge Alchemistin berichtete mir sogar von einem Trank, den sie für ihren verlorenen Drachen braut. Das Tier sei lila und besitze bunte Flügel.
Falls jemand einen lila Drachen mit bunten Flügeln sieht, möge er dies bitte melden. Falls jemand zwei davon sieht, sollte er zunächst überprüfen, was die Alchemisten zuletzt gebraut haben.
Leider nahmen die Ereignisse anschließend eine ungünstige Wendung. Bei weiteren Kämpfen gegen Untote ging der dunkle Würfel verloren. Sofort wurden Vorwürfe laut. Einige behaupteten, die Magier hätten zu wenig getan. Andere erzählten mir, ein Gelehrter habe den Würfel mitten durch die Gegner tragen wollen und sei dabei von seinem eigenen Übermut eingeholt worden.
Ich möchte ausdrücklich festhalten, dass „mit einem uralten Artefakt in eine Gruppe Untoter laufen“ nicht zu den Lehrmethoden der Akademie gehört.
Nun planen die Waldritter, den hellen Würfel zu suchen. Es wird gemunkelt, dass Händler eine Karte besitzen könnten, die zu seinem Aufenthaltsort führt. Andere wiederum schlugen vor, die Nekromantin zu bestechen.
Ich bin nicht sicher, welcher dieser Pläne gefährlicher ist.
Allerdings stammen die Händler aus Aldekerk.
Das macht die Entscheidung nicht leichter.
Wie dem auch sei: Der dunkle Würfel ist verschwunden, eine Nekromantin scheint nach ihm zu suchen und irgendwo soll ein heller Würfel verborgen sein. Die Waldritter stehen also erneut vor einem großen Abenteuer.
Und wieder einmal hat niemand vorher mich gefragt.
Darum werde ich mich wohl wieder einmal selbst kümmern müssen!
