#006 Ein Versteck für den Würfel

Eintrag: 18.04.2026

Es ist schon bemerkenswert, wie oft sich die Ereignisse überschlagen, sobald ich mich nicht höchstpersönlich um die Angelegenheiten dieser Akademie kümmere. Kaum wendet man sich wichtigeren Dingen zu – etwa meinen Studien – und schon stolpert der Rest der Welt in die nächste Katastrophe. Aber ich schweife ab …

Wie mir berichtet wurde, erreichte ein Bürokrat – ja, ein Bürokrat! – eine Gruppe unserer Waldritter. Dass man solche Gestalten überhaupt mit wichtigen Aufgaben betraut, spricht bereits Bände über den Zustand der Organisation. Dennoch überbrachte er offenbar einen neuen Auftrag: Ein Experte für dunkle Künste solle gefunden werden, angeblich auf Anforderung der Akademie, und zugleich müsse ein geeignetes Versteck für einen gewissen „dunklen Würfel“ gefunden werden.

Dieser Würfel, wie ich höre, ist nichts Geringeres als die einstige Machtquelle eines Schwarzmagiers, den die Waldritter zuvor gebannt haben sollen. Größenwahnsinnig, mit Fantasien von Weltherrschaft – man erkennt sofort das übliche Profil minderbegabter Zauberer mit zu viel Ehrgeiz und zu wenig Anleitung. Dass man ihm den Würfel entziehen konnte, ist immerhin ein Lichtblick. Dass man ihn danach nicht gründlich erforscht hat, hingegen nicht.

Die bisherigen „Untersuchungen“ beschränkten sich wohl darauf festzustellen, dass der Würfel sechs Seiten besitzt und magisch vibriert.

Sechs Seiten!

Eine Erkenntnis, die selbst ein Erstjahresschüler nach wenigen Augenblicken gewonnen hätte. Aber ich schweife ab …

Natürlich war das Artefakt angeblich sicher verwahrt, mit diversen Bannzaubern geschützt – und natürlich wurde genau dieses Versteck während einer Untersuchung aufgebrochen. Nichts entwendet, wie man mir versichert. Was entweder eine dreiste Lüge ist oder eine noch größere Inkompetenz offenbart, denn wer bricht ein, um nichts mitzunehmen?

Die Waldritter zogen also mit Lehrmeistern und besagtem Bürokraten zu einem Außenposten. Dort entdeckten die Waldläufer verdächtige Gestalten, die offenbar etwas suchten. Ein Kontakt führte – wenig überraschend – unmittelbar zu einem Angriff. Immerhin hatte der Bürokrat genug Selbsterhaltungstrieb, sich zu verstecken, was ihn in meinen Augen zum fähigsten Beteiligten dieser Episode macht.

Die Angreifer wurden überwältigt, doch einer entkam.

Ein klassischer Fehler.

Ich habe es oft genug gesagt: Wenn man Gegner stellt, stellt man sicher, dass keiner mehr berichten kann. Aber ich schweife ab …

Nach einigen Trainingsübungen – vermutlich ebenso halbherzig durchgeführt wie üblich – trafen zwei Personen ein, die beide behaupteten, der gesuchte Experte zu sein. Anstatt klare Prüfungen anzusetzen oder – ich weiß nicht – einen tatsächlichen Meister zu konsultieren, entschieden die Waldritter offenbar selbst, wen sie für geeignet hielten.

Das Ergebnis?

Der Gewählte entpuppte sich als Verbündeter einer Nekromantin, wohlmöglich eine Anhängerin des Schwarzmagiers.

Ich erspare mir weitere Kommentare zu dieser Entscheidung.

Durch nichts weiter als Manipulation und ein gewisses Maß an Charisma gelang es diesem Hochstapler, den Würfel an sich zu reißen. Eine anschließende Expedition von fünf Waldrittern blieb erfolglos – was mich nicht im Geringsten überrascht.

Erst nachdem man ein Waldwesen konsultierte – was zumindest einen Hauch von Vernunft erkennen lässt – rafften sich die Waldritter zu einer koordinierten Aktion auf. Die Schergen des Schwarzmagiers wurden, wie man mir schilderte, „niedergemetzelt“. Eine Ausdrucksweise, die mehr über die Erzähler als über die Tat aussagt, aber ich nehme an, das Ergebnis war effektiv genug.

Der Würfel konnte zurückerobert werden.

Allerdings – und das ist der eigentliche Punkt von Interesse – hat er in der Zwischenzeit seine Form verändert.

Ein sich wandelndes Artefakt unbekannter Natur, ehemals Machtquelle eines Schwarzmagiers, unzureichend untersucht, mehrfach verloren und zurückerlangt.

Und irgendwo glaubt man, das Ganze sei unter Kontrolle.

Bemerkenswert.

Zum Abschluss des Tages wurden immerhin acht neue Waldritter nach bestandenem Waffentraining und Erste-Hilfe-Unterweisung ernannt. Sie erhielten ihre Wappenbänder und wurden in den Kreis aufgenommen.

Acht neue Waldritter – Nach diesem Ablauf von Ereignissen.

Nun, ich will nicht behaupten, dass alles verloren ist – einige der Beteiligten scheinen zumindest ansatzweise lernfähig zu sein. Doch wenn ich mir die Gesamtheit der Geschehnisse betrachte, bleibt mir nur eine Schlussfolgerung:

Diese Angelegenheit erfordert jemanden mit Überblick, Verstand und – was am wichtigsten ist – der Fähigkeit, beides auch einzusetzen.

Also wohl mich.

Wie schon so oft.

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